Hält der Altcoin-Boom an?

Die Kurse schwanken gewaltig, dennoch bleibt der Preis vieler Altcoins rekordverdächtig. Neben Ethereum, dessen Wert sich innerhalb eines Jahres verzehnfacht hat, boomen Neulinge wie Polkadot und Meme, aber auch Altbekannte wie Neo und IOTA. Geht der Wachstumskurs weiter? Und welche Tokens werden das Rennen machen?

Niedrige Zinsen und größere Akzeptanz befeuern Kryptos

Der Krypto-Boom seit November 2020 ist kein Zufall. Zum einen suchen Investoren bei Nullzinsen und Rekord-Immobilienpreisen nach Renditemöglichkeiten. Die Überschwemmung der Märkte mit Liquidität infolge der Corona-Krise treibt nicht nur die Börsen-, sondern auch die Altcoin-Kurse nach oben.

Außerdem akzeptieren immer mehr offizielle Institutionen Krypto-Tokens. Vor ein paar Tagen kündigte PayPal an, dass seine US-Kunden künftig mit vier Kryptowährungen zahlen werden können. Auch Investoren wie Goldman Sachs, Citigroup und BlackRock deckten sich in den letzten Monaten ein. Als Tesla Anfang Februar 1,5 Mrd. Dollar in Bitcoins investierte, brachen vorerst alle Dämme.

Bärenzyklus ist noch lange kein crash

Am 23. Februar schien der Bullenzyklus vorerst zu Ende. Bitcoin verlor 15 Prozent ihres Werts innerhalb von zwei Tagen. Auch Ethereum, Litecoin und viele andere Altcoins stürtzen ab. Seitdem verhalten sich die Kurse vor allem extrem volatil. Doch geht es bald steil nach unten, wie viele Krypto-Skeptiker meinen?

Die Geschichte der Finanzmärkte ist voll von geplatzten Blasen, angefangen vom Tulpenfieber in Holland im 17. Jahrhundert bis zum Black Tuesday 1929 und zur Dotcom-Blase im Jahr 2000. Dabei definiert man eine Blase als die Überbewertung einer Anlage.

Bei Aktien ist die Bewertung vergleichsweise einfach, da hinter jeder Aktie ein Unternehmen steckt. Hält es seine Versprechen in Puncto Umsatz und Rendite nicht, sinkt irgendwann ihr Wert. Auch bei Immobilien gibt es Indikatoren für eine Blase. Kaufpreise, die viel schneller als die Mietpreise steigen, gelten zum Beispiel als Alarmsignal.

Doch was ist mit Altcoins? Dahinter verbirgt sich weder eine AG, die Bilanzen und Umsätze veröffentlicht, noch eine physische Anlage wie ein Haus. Seine Kritiker, darunter Prominente Ökonomen wie Robert Merton und Nouriel Roubini, argumentieren daher, Altcoins seien weder eine Währung noch was anderes, sondern eine an sich wertlose Spekulationsanlagen. Doch ist das wirklich so?

DEZENTRALE WERTSCHÖPFUNG: GENIALE IDEE ODER UTOPIE?

Bitcoins sind auf dem ersten Blick tatsächlich eine reine Wertanlage. Theoretisch besitzen sie jedoch einen Nutzen, nämlich die für viele sehr reizende Idee, das zentralisierte, von Banken und Nationalstaaten gesteuerte Finanzsystem zu überwinden und durch ein dezentralisiertes, demokratisches und zensurfreies System ohne Kontrollinstanze zu ersetzen.

Derzeit liegt jedoch diese Vorstellung in weiter Ferne, da das Netzwerk schon bei den vergleichsweise wenigen Transaktionen eine hohe Latenz aufweist. Es ist daher höchst unwahrscheinlich, dass das Bitcoin-Netzwerk in den kommenden Jahren das internationale SWIFT-System überflüssig machen wird.

Viele Altcoins versprechen allerdings mehr als ein Netzwerk für dezentrale Zahlungen. Vitalik Buterin erfand 2014 Ethereum mit dem Ziel, eine Turing-vollständige Kryptowährung zu schaffen, die Skriptsprachen unterstützt. Sogenannte Smart Contracts sind Programme, die Verträge in der realen Welt abbilden, selbstständig funktionieren und damit Mittelmänner, die eine reine Vermittlungsfunktion haben, überflüssig machen. Damit lassen sich beispielsweise Urheberrechte und Nutzungsverträge digital und automatisch durchsetzen, ohne dass eine dritte Partei (z.B. Agent, Rechtsanwalt) eingreift und Provisionen kassiert.

Inzwischen hat Ethereum nach Bitcoin die zweithöchste Marktkapitalisierung. Und obwohl Mittelmänner nach wie vor existieren und existieren werden, entstanden in den letzten Jahren viele Startups, die auf der Ethereum Blockchain auf Smart Contracts basierende Geschäftsideen implementieren. Ethereum selbst hat seinen Wert in den letzten zehn Monaten verzehnfacht. Da er durchaus eine Value Proposition hat, ist es unwahrscheinlich, dass er allzu sehr fällt.

neo, CHAINLINK UND cardano: die besseren Ethereums?

Aber auch Ethereum hat seine Tücken. Wie beim Bitcoin-Netzwerk verursacht die Verifizierung der Blöcke mit Proof-of-Work eine hohe Latenz. Ungefähr fünf Minuten dauert es derzeit, bis eine Transaktion bestätigt wird. Zwar startete am 1. Dezember 2020 die Transition zu Ethereum 2. mit Proof-of-Stake. Dennoch muss sich das neue Netzwerk noch beweisen.

Neo, die chinesische Antwort zu Ethereum, bietet eine open-source Blockchain-Plattform für die Entwicklung von Smart Contracts mit digitaler Identitätsprüfung, Orakeln zur Integration von Daten aus der realen Welt und dem Proof-of-Stake-Verfahren, das 10.000 Transaktionen pro Sekunde ermöglicht. Zudem werden anders als bei Ethereum gängige Programmiersprachen wie Java und C# unterstützt. Innerhalb des letzten Jahres stieg der Kurs von 10 auf um die 50 Dollar. Die praktischen Anwendungen halten sich derzeit noch in Grenzen. Sollte die chinesische Regierung jedoch bei ihrer Krypto-freundlichen Haltung bleiben, dürften auch die Partner langfristig nicht fehlen.

Um die Lösung des Orakel-Problems dreht sich auch der erfolgreiche Chainlink. Dort, wo Smart Contracts Daten aus der realen Welt benötigen, sind Brücken zwischen öffentlichen Blockchains und externen Datenquellen notwendig. Sogenannte Orakel verifizieren diese Daten, dennoch sind sie traditionell ebenfalls zentralisiert. Im Chainlink-Netzwerk kann jeder aus der Community dagegen Daten für Smart Contracts bereitstellen.

Cardano, der einzige mit wissenschaftlichen Methoden entwickelte Altcoin, belegt nach Marktkapitalisierung den sechsten Platz. Mit dem in dem nächsten Monaten geplanten Goguen-Update werden dezentrale Smart Contracts möglich sein. Die Größe des Cardano-Ecosystems ist noch beschaulich, dementsprechend spiegelt der Kurs das Potential nicht wider. Je skalierbarer und Smart Contract-fähiger Cardano wird, desto mehr reale Anwendungen werden entstehen.

IOTA und polkadot: distributed Ledger für das dezentrale INTERNET OF THINGS

Blockchains der dritten Generation wie Cardano setzen nicht nur auf Smart Contracts, sondern auch auf Skalierbarkeit, Interoperabilität, Datenschutz, Sicherheit und geringe bis keine Gebühren. Damit stellen sie eine ideale Infrastruktur für das Internet of Things bereit. IOTA, die diese Ziele von Anfang an verfolgt hat, geht sogar einen Schritt weiter und verzichtet auf die Blockchain als Netzwerkarchitektur. Stattdessen gibt es den Tangle, ein verteiltes Register, bei dem jeder Teilnehmer gleichzeitig die Transaktionen bestätigt. Da der Tangle ohne Miner auskommt, gibt es auch keine Transaktionsgebühren.

Langfristig möchte IOTA das Zahlungsmittel für vernetzte Fahrzeuge, Maschinen und Edge-Geräte werden, die schnelle, kostenlose und automatisierte Transaktionen benötigen. Zu den prominenten Partnern zählen Land Rover und Dell. Mit Letzterem arbeitet die IOTA Foundation an einem Messverfahren, um die Vertraulichkeit von Big Data zu schätzen.

Auch das 2017 gestartete Polkadot möchte günstige und sichere Transaktionen im dezentralen Web 3.0 ermöglichen und als Grundlage für Edge Computing und KI-Anwendungen dienen. Das Polkadot-Netzwerk selbst bleibt anders als IOTA der Blockchain-Architektur treu. Als Validierungsverfahren dient ein demokratisches Proof-of-Stake, bei dem jeder Tokenhalter eine Stimme bekommt. Zudem sollen die auf der Plattform programmierten Anwendungen grundsätzlich auf jeder Blockchain funktionieren. Beispielsweise entwickelt die Firma ONTology Lösungen zur dezentralen Datenspeicherung.

fazit: VIELE ALTCOINS WERDEN DURCHSTARTEN

Die Kurse werden weiter schwanken. Dennoch ist es wahrscheinlich, dass viele Altcoins sich langfristig behaupten. Vor allem solche, die eine echte Value Proposition mitbringen, haben das Potential, technische Innovationen zu fördern und sich als Alternative zu zentralisierten Netzwerkarchitekturen zu profilieren. Zwar werden klassische, zentralisierte Client/Server Architekturen nicht verschwinden, aber dezentrale Anwendungen werden in der nächsten Dekade weiter Einzug halten und sie ergänzen.

Während die Kursentwicklung nicht zwingend den realen Mehrwert eines Projekts darstellt, sind Partnerschaften und reale Anwendungen ein zuverlässiger Indikator. Der Bedarf nach resilienten, dezentralen und skalierbareren Netzwerken wird in den kommenden Jahren wachsen. Aus diesem Grund werden wir von vielen Altcoins noch lange hören.

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